LEBENSBILDER 19

12 FRAGEN - VIELE ANTWORTEN

notiert im Oktober 2026

 

Wer 80, 90 oder mehr Jahre lebt, verfügt über einen Schatz an Erinnerungen und hat einen unglaublichen Wandel miterlebt – vom raren Telefonanschluss im Nachbarhaus bis zum Handy in der Hosentasche. Wie war es bisher, dieses Leben?

Im Erzählcafé haben wir uns 12 Fragen dazu gestellt und die Antworten hier notiert.

Aller Beschwernisse zum Trotz, sind sich alle einig:

«Es isch guet eso wies isch.»

 

WAS WAR FRÜHER BESSER?

 

Wir haben einander geholfen und einander zugehört.

Es gab richtigen Zusammenhalt.

Wir kannten einander, wussten um die Sorgen der anderen.

Es war alles persönlich.

Man grüsste immer und überall und sagte immer merci.

Wir haben zusammen gesungen.

Wir haben unsere Nachbarinnen täglich angetroffen, im Haus, vor dem Haus, im Quartier, beim Einkaufen. Man hat miteinander geplaudert und viel voneinander gewusst.

Die Nachbarin hat mal etwas ausgeliehen und später zurückgebracht oder ich holte etwas bei ihr. Das war einfach und unkompliziert.

Beim Einkaufen gingen wir zum Bäcker, zum Metzger, in die Molkerei, ins Lädeli. Die Angestellten in den Geschäften kannten uns und begrüssten uns mit dem Namen, fragten nach den Kindern, nach der Gesundheit oder was es gerade gab.

Ohne Bedenken schickte ich schon die kleinen Kinder mit dem Huttli, einem Zettel und dem Portemonnaie zum Einkaufen. Das gab nie ein Problem.

Beim Metzger bekamen die Kinder ein Redli Wurst. Mein Töchterli sagte, sie habe noch eine kleine Schwester zu Hause und bekam prompt ein zweites Redli, das sie in ihrer Faust stolz nach Hause brachte.

Es gab das zu essen, was man hatte. Einfache Sachen, Suppen, Kartoffeln, Gemüse. Wir haben nichts fortgeworfen.

Wir haben immer richtig gekocht. Das hat uns Freude gemacht und auch ein bisschen stolz. Es gab kein Essen aus dem McDonald und Coca-Cola.

Das Familienleben war das Wichtigste für uns. Wir haben alle Mahlzeiten miteinander eingenommen. Das machen heute nicht mehr viele Familien, weil beide Eltern arbeiten und die Kinder in der Kita sind.

Als junge Mädchen gingen wir einmal in der Woche in die Jugendgruppe. Das war unser Ausgang. Sonst war ich daheim und arbeitete an den Abenden an den Hohlsäumen für meine Aussteuer.

Ausgang konnten wir Jungen uns nur selten leisten. Aber es war auch schön, sich im Quartier zu treffen und miteinander zu schwatzen.

Wenn das Geld reichte, gingen wir zusammen ins Seefels in Biel in den Ausgang. Wir tranken ein Mineralwasser, manchmal spendierte der Wirt eine Runde. Das Seefels war damals mit dem Paradiesli verbunden. Im Paradiesli wirtete Grock, der berühmte Clown. Er engagierte eine Musik und mischte sich unter die Leute. Wir hatten es lustig, unterhielten uns, manchmal tanzten wir auch ein wenig. Wir gingen immer zusammen hin und zusammen heim, natürlich zu Fuss. Niemand war allein.

In Meinisberg gab es die Feste in der Turnhalle. Da waren alle dabei. Man unterhielt sich, tanzte, ass und trank. Alle kannten einander.

Wir junge Walliser trafen uns in einem Maiensäss, machten ein Fondue oder ein Raclette, schwatzten, sangen und hatten es schön miteinander.

Wir hatten auch Entbehrungen, mussten Schweres tragen, aber wir wussten, dass wir das halt aushalten mussten.

Heute fehlt der Respekt. Im Bus steht niemand mehr auf für eine ältere Person. Das haben wir als Kinder gelernt, dass man das macht.

Heute gibt es viel mehr Komfort. Klar, die Waschmaschine hat uns wirklich das Leben leichter gemacht, das war schön. Aber es geht immer weiter, für alles gibt es Maschinen und Geräte. Und auch sonst wird viel Unnötiges gekauft.

Es gab keinen Stress. Wir haben zwar auch den ganzen Tag gearbeitet aber einfach eins nach dem andern erledigt. Das war ganz normal, dass man einfach vorwärts machte.

Es gab damals keine Kitas. Für die Kinder waren die Mütter da. Das war eine schöne Zeit.

Wenn ich mit dem Kinderwagen draussen war, habe ich ihn manchmal ein Stücklein weggestossen, dann wieder geholt, wieder weggestossen und mein Kind jauchzte vor Freude. Ich habe ihm Blüemli erklärt, die Hummeli, die ein Pullöverli tragen, die Wäspi. Es war schön, mit den kleinen Kindern Zeit zu haben.

Es war schön.

 

WAS IST HEUTE BESSER?

 

Es gibt Waschmaschinen. Diese ganze enorm anstrengende Wascharbeit braucht es nicht mehr.

Der Kühlschrank hat das Leben auch einfacher gemacht.

Später dann das Tiefkühlfach, welches wir mieteten. Jetzt konnte ich die Beeren vom Garten erst mal tiefkühlen und musste nicht alle Confi aufs Mal machen.

Alles ist bequemer.

Ich war lange gegen das Handy, es machte mich wütend - diese jungen Frauen mit Kopfhörern und einem kleinen Kind! Fragt das Kind etwas, hört es die Mutter nicht einmal. Jetzt finde ich das Handy praktisch. Es beruhigt auch meine Kinder, wenn ich das Handy dabeihabe, wenn ich weggehe. Ich bin erreichbar.

Es ist praktisch, fährt der Bus heute im 15-Minuten-Takt. Und auch die Züge und Postautos fahren viel öfter als früher und sind bequemer.

WAS IST IHNEN GUT GELUNGEN IN IHREM LEBEN?

 

Meine Kinder. Wir haben einen schönen Zusammenhalt. Sie besuchen mich oft.

Meine Kinder leben weiter weg, aber der Kontakt ist immer da.

Die Kinder haben einen Beruf gelernt und sind heute selbständig.

Die Heirat mit meinem Mann war gut, wir haben zueinander gehalten, solange er lebte.

Die Heirat mit meinem zweiten Mann brachte mir viel Freude und Glück.

Ich habe alles gegeben was ich konnte, nach bestem Wissen und Gewissen. Auch wenn nicht alles gut gelungen ist, es ist das, was mir möglich war.

Mein Mann war in den letzten Jahren schwer krank. Trotzdem hatten wir es bis am Ende gut zusammen.

Erst als die Kinder grösser waren, habe ich abends ein paar Stunden gearbeitet. Ich putzte oder war am Buffet tätig. In dieser Zeit schaute mein Mann zu den Kindern. Wir haben uns gut ergänzt.

Ich habe immer zur Familie geschaut und war nicht berufstätig. Wir hatten wenig Geld aber irgendwie ging es immer. Ich bin stolz darauf, dass wir das so gut geschafft haben und 57 Jahre verheiratet waren.

Wir haben immer gespart und nie, nie Schulden gemacht.

Wenn man gerne etwas Neues gehabt hätte, schaute man zuerst, ob das Geld reichen würde und ob es wirklich nötig war. Kaufte man dann wirklich mal etwas, hat es Freude gemacht.

Zuerst kam der Mann, dann die Kinder, dann ich. Es war mir wichtig, dass alle sauber und anständig angezogen waren. Ich selber brauchte nicht viel Neues. Das ist mir gut gelungen.

Den Garten habe ich gut gemacht. Als Kind hatte ich die Gartenarbeit nicht gern, weil mich mein Vater immer korrigiert hat. Aber als ich selbständig bestimmen durfte, liebte ich die Arbeit und war stolz auf den schönen Ertrag.

Ja, die Gemüse, die Früchte und Beeren, so eine Freude!

Und der Stolz, wenn dann alles zu Confi verarbeitet, eingekocht und getrocknet oder im Keller eingelagert war, der Stolz war gross, wenn ich diese Vorräte anschaute!

 

 

 

WAS MÖCHTEN SIE NOCH EINMAL ERLEBEN?

 

Ich möchte noch einmal zuhinterst ins Safiental, dort wo keine Strasse mehr weiterführt. Dort möchte ich mit meinem Mann im Bachbett ‘umestochere’ und schöne Steine finden. Wir waren 1994 dort, nur an einem Tag, mein Mann kannte diesen wunderbaren Platz von der Pfadi.

Mich zieht es ins Maderanertal zur Etzlihütte. Dort hat mein Vater einst einen grossen Kristall gefunden.

Als meine älteste Schwester schon verdiente, hat sie die ganze Familie für eine Woche nach Morcote eingeladen. Die zweitälteste Schwester meinte später ‘jetz chum i dra’ und lud auch alle ein. Und auch die dritte Schwester hat das gemacht. Das waren ganz wunderbare Tage.

Wir gingen während 17 Jahren immer wieder nach Saas Fee. Diese wilden Täler, die Bäche mit den Steinen – es war so wunderschön. Das möchte ich gerne noch einmal erleben.

Ich würde gerne wieder nach Bergün gehen. Da waren wir öfters, weil Freunde von uns dort Verwandte hatten.

Ich möchte wieder zelten am Urnersee.

Und ich würde gerne den Zeltplatz Morteratsch wiedersehen. Man konnte bis zum Fuss des Morteratschgletschers in die Eishöhle gehen. Heute ist dort eine Geröllhalde.

WELCHES WAR IHR LIEBSTES SCHULFACH?

 

Geografie

Kochen

Zeichnen

Singen

Handarbeiten

Mathematik

Turnen

WAS MACHT SIE HEUTE ZUFRIEDEN? 

Der Glauben.

Die Gewissheit, dass die Kinder ein gutes Leben haben.

Ich schöpfe meine Kraft aus der Natur. Als mein Mann die Krebsdiagnose bekam, sagte er, zieh die Wanderschuhe an, wir gehen in den Wald. Das tat so gut. Noch heute tanke ich in der Natur auf.

Ich bin zufrieden, wenn ich an meine frühe Kindheit denke in einer christlichen Familie. Meine Mutter gab mir Halt.

Die vielen wunderschönen Jahre mit meinem Mann, die Liebe, Wärme und Geborgenheit.

Ich behalte das Schöne und hadere nicht.

 

MÖCHTEN SIE NOCH EINMAL JUNG SEIN?

Nein. Nicht in dieser Welt.

Wir waren jung. Wir haben das gehabt.

Manchmal möchte ich als ganz junge Frau noch einmal anfangen können. Ich war einfach zu unerfahren und habe den Versprechungen meines Mannes geglaubt. Er war kein guter Mann.

Vielleicht würde ich die gleichen Fehler machen, die ich seinerzeit gemacht habe, weil mir die Lebenserfahrung fehlen würde. Die habe ich jetzt. Aber wenn ich jetzt noch einmal jung wäre, würde vermutlich alles Schwere wieder geschehen.

Diese schöne Zeit als junge Frau ist vorbei.

Die Zeit, in welcher wir lebten, ist vorbei. Heute ist alles anders.

Als ich mit dem Rollator am Weihnachtsmarkt war, meinte eine Frau zu ihrer Kollegin: Hat die überhaupt Geld dabei? In einer solchen Welt will ich nicht noch einmal jung sein.

Einstimmig sagen wir, wir passen nicht mehr in diese Welt und möchten auf keinen Fall wieder jung sein.

WAS WAR IHNEN WICHTIG BEI DER KINDERERZIEHUNG UND GRUNDSÄTZLICH IM LEBEN?

Der Zusammenhalt in der Familie. Dass man einander hilft und füreinander da ist. Das war als Kind in meiner Familie so und so war es auch mit unseren eigenen Kindern.

Man spricht und diskutiert miteinander, auch am Esstisch.

Wenn ein Problem auftaucht, spricht man darüber.

Man hilft einander. Auch die kleinen Kinder mussten etwas beitragen. Abtrocknen, etwas aufräumen, Kommissionen machen, jäten.

Wir rüsteten alle miteinander rund um den Küchentisch den Berg Bohnen, den der Garten hergegeben hatte.

Die grösseren Kinder verdienten sich auswärts ein Taschengeld. Zum Beispiel mit ’Fläschele’: in einem Restaurant die leeren Flaschen in den richtigen Harassen einsortieren.

Wenn man etwas Neues will, muss man warten, bis man das Geld dafür hat. Mein Bub hat für sein Velotöffli in einer Garage mitgeholfen.

Nie Schulden machen.

Anständig sein.

Aufstehen im Bus, wenn eine ältere Person Platz sucht.

Danke sagen.

Grüssen.

Der Glauben.

 

AN WELCHE ZEIT IM LEBEN ERINNERN SIE SICH GERN?

Meine Kinderzeit war schön, als mein Mueti noch lebte. Als es starb, war ich knapp 12 Jahre alt.

Die Zeit mit meinen beiden Kindern war schön.

Wir haben immer etwas gearbeitet zu Hause und die Kinder waren immer dabei. Zuerst im Juppala, dann im Laufgitter, später haben sie in meiner Nähe gespielt, im Gang, im Zimmer, in der Küche. Ich konnte den Haushalt machen und war immer mit den Kindern verbunden.

Wie eine Insel im Ozean war das leider nur kurze Zusammenleben mit meinem zweiten Mann.

Eigentlich war mein ganzes bisheriges Leben schön. Es gab auch schwierige Sachen, wegen der Krankheit meiner Mutter konnte ich erst mit 6 Jahren daheim leben. Vorher war ich bei verschiedenen Verwandten. Auch die schwere Krankheit meines Mannes war belastend. Aber im Ganzen war es gut.

Meine Kindheit und Jugend waren schön. Ich war nicht immer glücklich und nicht alles war wunderschön. Aber im Nachhinein war es einfach schön.

Schön war, die Kinder aufwachsen zu sehen.

Ich hatte ein schönes Leben.

WANN HATTEN SIE FREIE ZEIT? WIE HABEN SIE DIESE GENUTZT?

 

Eigentlich war ich in Haushalt und Garten immer beschäftigt.

Am Mittag, wenn mein Mann wieder am Arbeiten war und die Kinder in die Schule gegangen waren und ich die Küche aufgeräumt hatte, nahm ich mir kurz Zeit zum Zeitunglesen.

Nach dem Mittagessen legte mich kurz hin und machte dann mit dem Hund einen grossen Spaziergang. Das war Zeit für mich.

Ein ruhiger Moment für mich war, wenn die kleinen Kinder am Mittag schliefen.

Als die Kinder grösser waren, habe ich manchmal ein bisschen für mich gemalt.

Ich ging regelmässig ins Frauenturnen.

Ich war im Turnverein. Wenn Turnen war, hat mein Mann oder die Grossmutter zu den Kindern geschaut,

Mit dem Turnverein gingen wir auch ans Eidgenössische Turnfest.

WIE HABEN SIE ALS JUNGE FAMILIE DIE FERIEN VERBRACHT?

 

Die Männer hatten im Sommer zwei Wochen Ferien, die sogenannten Uhrmacherferien. Sonst gab es nur noch an Ostern und Weihnachten ein paar Tage.

Wir blieben eine Woche daheim und arbeiteten im Garten, in der zweiten Woche gingen wir manchmal weg, zum Beispiel in ein Häuschen in Habkern, das wir günstig mieten konnten.

Wir mieteten manchmal eine Wohnung irgendwo in der Schweiz und gingen wandern.

Wir gingen viel baden im See. Oder machten Ausflüge ins Dählhölzli oder auch mal in den Zoo.

Wir machten Zeltferien. Am liebsten gingen die Kinder nach Yvonand.

Wir konnten in ein Chalet in Prés d’Orvin gehen.

Wir leisteten uns einmal eine Woche Hotelferien in Paradiso bei Lugano. Es gab so wenig zum Nachtessen, dass wir das Gefühl hatten, wir sollten noch einmal essen.

In Agno verbrachten wir eine Woche in einer Ferienwohnung mit meinen Eltern. Das war schön.

Wir leisteten uns einmal eine Woche im Tessin mit den Kindern. Aber diese wollten schon bald heimgehen und hier baden.

Unsere Kinder haben in Habkern Skifahren gelernt.

In Chaux-de-Fonds konnten unsere Kinder bestens skifahren, es gab immer so viel Schnee. Es hatte sogar einen Skilift mit einer beleuchteten Piste in der Nacht.

Auch in Meinisberg konnten sie schlitteln und skifahren, am Schittenrain. Aber zuerst hiess es, eine Piste zu stampfen.

Auch bei der Klinik Linde, beim Hübelimoser, dem Bauern, haben unsere Kinder geschlittelt.

Als Erwachsene machte ich Ferien in Frankreich.

Wir machten manchmal eine Carreise, zum Beispiel nach Colmar.

Oder in die Camargue, einmal an die Ostsee.

WAS WÜNSCHEN SIE SICH?

Ich bin zufrieden mit dem was ich habe.

Ich kann ausgehen, wenn ich möchte und habe ein schönes Zimmer mit Balkon. Ich brauche nicht mehr.

Ich bin dankbar für mein eigenes Zimmer und dass ich hinausgehen kann, sogar hin und wieder in die Stadt.

Ich kann telefonieren und Briefe schreiben und so den Kontakt behalten zu den Menschen, die mir wichtig sind.

Ich mache hin und wieder ein Reisli mit meiner ganzen Familie. Ich hoffe, dass ich das noch weiterhin tun kann.

Ich möchte einmal einschlafen und gehen.

Ich wünsche mir, dass ich nicht zu viele Schmerzen haben werde.

Wir können uns das wünschen. Aber wir können es nicht bestimmen.